Inhalt

Das Ereignis (Leseprobe)

Die Fahrt nach Lion (Leseprobe)

Die Ankunft auf dem Hausboot (Leseprobe)

Der erste Tag der Rhône-Tour (Leseprobe)

Guter Tag – schlechter Tag

Der Sommer vierundsiebzig (1)

Der Sommer vierundsiebzig (2)

Der Sommer vierundsiebzig (3)

Der Sommer vierundsiebzig (4)

Der Sommer vierundsiebzig (5)

Der Urlaub und sein Ende.

Die unerwartete Überraschung

Der Plan Der Besuch in Séglien

Neue Erkenntnisse

Zurück in Merzig

Die erste Suche

Der Familienrat

Die Suche

Der Familienrat - 2

Die Abreise

Der Strand Urlaub

Neue Aufgaben

Wiedergutmachung

Weihnachten 1985  

Das Ereignis

Der Anfang 1974.

HP – sein eigentlicher Name lautet Hans-Peter – ist der jüngste Sohn der bäuerlichen Familie Graf. HP ist zwar erst sechzehn Jahre alt, aber als Sohn eines Bauern muss er, besonders während der Erntezeit, nach der Schule und den Hausaufgaben auf den Feldern helfen. Und es ist noch immer Erntezeit. Somit fällt für alle in der Familie Arbeit an, bis die Ernte endlich von den Feldern ist. Es ist ein sehr trockener Sommer in diesem Jahr, in der Gegend, in der sie leben, und die Ernte muss von den Feldern, bevor sie zu vertrocknen droht. Jedes Mal, wenn HP aus der Schule zurück ist und seine Hausaufgaben gemacht hat, setzt er sich auf sein Fahrrad und fährt zu dem Feld, auf dem sein Vater mit der Ernte beschäftigt ist, um zu helfen. Meistens löst er seinen Vater ab, der auf dem Traktor sitzt um das Saatgut, das gerade geerntet wird, zur Genossenschaft zu bringen. Als Bauerssohn hat er das Vorrecht, schon mit sechzehn Trecker fahren zu dürfen. Das ist etwas, was er lieber macht als alle anderen Arbeiten auf dem Hof. Sie müssen sich an dem Tag beeilen, denn es ist das letzte Feld, was sie abernten und es zieht ein Unwetter auf. Den Regen, der da kommen soll, hätten sie über den Sommer verteilt gebraucht, aber jetzt, da sie die Ernte einholen müssen, kommt er recht ungelegen. Sie haben es gerade noch geschafft, die letzte Fuhre mit der Ernte an der Genossenschaft abzuladen und machen sich auf den Weg nach Hause, als es anfängt zu regnen. Es schüttet wie aus Eimern und man bekommt fast das Gefühl, dass die Welt untergehen will. Endlich, denkt sich HP. Endlich haben wir die Felder abgeerntet. Jetzt ist es ihm egal, ob es anfängt zu regnen oder nicht. Nicht, dass es ihn selber stört, wenn es während der Ernte regnet. Nein, es stört ihn vielmehr, danach die Fahrzeuge wieder alle saubermachen zu müssen, die auf den Feldern vom Regen eingesaut wurden. Denn das bedeutet, dass sie tagelang mit dem Hochdruckreiniger arbeiten müssen, um allen Dreck von den Fahrzeugen herunterzubekommen. Wenn sie das alles an einem Tag schaffen könnten, wäre es kein Problem, da der Dreck noch nass ist. Aber meistens brauchen sie mehrere Tage, weil ihr Vater es immer ganz gründlich haben will. Dadurch trocknet der Dreck, der an den Fahrzeugen klebt und verhält sich fast wie Beton, den sie nur mühselig wieder abbekommen. Als sie auf dem Hof ankommen und die letzten Fahrzeuge in die Scheune fahren, ist endlich Feierabend. Jetzt noch etwas sauberzumachen, lohnt sich nicht, ist die Meinung seines Vaters. Morgen wäre es ausreichend, damit anzufangen, und außerdem habe auch er keine Lust mehr, im Dunkeln und bei Regen noch irgendetwas zu machen, da auch er froh sei, dass die Erntezeit endlich ein Ende gefunden habe. Der Tag war lang genug. Als sie am Hof ankommen, ist es schon fast dreiundzwanzig Uhr. Nur gut, dass der nächste Morgen ein Samstag ist und HP nicht zur Schule muss. Dazu wäre er wohl nicht in der Lage, und es würde bestimmt wieder in einem Desaster enden. Er kennt das noch aus dem letzten Jahr. Damals mussten sie wegen des Wetters das letzte Feld unter der Woche abernten, und sie kamen erst gegen Mitternacht wieder auf dem Hof an. Der nächste Tag in der Schule war für HP daher nicht gut. Er schaffte es kaum, dem Unterricht zu folgen und schlief prompt im Klassenzimmer ein. Dafür bekam er damals auch einen blauen Brief nach Hause, den er den Eltern vorlegen musste, damit diese ihn lesen und unterschreiben konnten. Den musste er am nächsten Tag beim Schuldirektor vorlegen zum Beweis, dass die Eltern ihn gelesen hatten. Danach gab es erst einmal richtig Theater in der Schule, und die Eltern wurden zum Direktor bestellt. HPs Vater hatte darunter notiert, dass er das Schreiben zur Kenntnis genommen hätte, aber die Ernte nun einmal vorrangig sei. Und dass es bei der nächsten Ernte, die schnell von den Feldern müsse wegen eines heranziehenden Unwetters, wieder so wäre. Der Direktor der Schule fühlte sich damals nicht ernst genommen und von HPs Vater veralbert. Aber da sowohl HPs Vater als auch der Schuldirektor zwei ausgesprochene Dickköpfe waren, gerieten die beiden dermaßen aneinander, dass HPs Mutter zu guter Letzt keine andere Möglichkeit mehr sah, als ihren Schwager anzurufen. Der war mit dem Schuldirektor sehr gut befreundet und konnte den Streit zwischen den beiden sturen Köpfen letztendlich schlichten. HP fällt an dem Tag nur noch müde und vollkommen geschafft in sein Bett und will nicht einmal mehr etwas essen. Er hat es gerade noch geschafft, sich zu waschen, um den Staub, der an ihm haftete, wieder loszuwerden. Zudem wird es draußen immer ungemütlicher. Aus dem anfänglichen Regen wird langsam ein richtiges Unwetter mit Sturm und Gewitter. So müde HP auch ist, er kann einfach nicht einschlafen. Der Sturm, der draußen tobt und das Gewitter dazu sind dermaßen heftig geworden, dass man selbst in der ruhigsten Ecke im Haus jeden einzelnen Regentropfen hören kann. HP holt daher seine kleine Schachtel, die unter seinem Bett steht, hervor, schaltet das Licht an seinem Bett noch einmal ein und öffnet die Schachtel, wobei ein glückliches Lächeln über sein Gesicht huscht. In dieser Schachtel sind drei Briefe, die er im letzten Monat von Juliette bekommen hat. Juliette ist das Mädchen, das er in seinem Urlaub, als er ausnahmsweise im Sommer mit seinem Onkel verreisen durfte, kennengelernt hat. Normalerweise musste er nämlich in den Ferien immer auf dem Hof mithelfen, nur in diesem Sommer nicht. HP und Juliette haben sich während der Zeit, die sie mit anderen Jugendlichen auf einem Weingut an der Rhône verbrachten, um sich ein wenig Taschengeld zu verdienen, kennengelernt und ineinander verliebt. Er nimmt alle drei Briefe aus der Box und öffnet einen nach dem anderen. Zuerst liest er sich den Brief durch den sie ihm zuerst geschickt hat, danach den zweiten und dann den dritten. Eigentlich kennt HP den Inhalt aller Briefe mittlerweile auswendig, dennoch liest er sie immer wieder gern und erinnert sich dabei an die Zeit zurück, die sie auf dem Weingut verbrachten. Er spürt jedes Mal, wenn er die Briefe liest, wie schön sie sich anfühlte und wie schön es war, wenn sie ihn berührte. Er kann ihren Duft wahrnehmen, den sie an sich hatte, da auch die Briefe den gleichen Duft verbreiten. Sie wollen sich in diesem Jahr auf jeden Fall noch einmal treffen, nur wann, das haben sie noch nicht festgelegt. HP wartet eigentlich auf eine Antwort von ihr. Eine Antwort auf seinen letzten Brief, in dem er einen Vorschlag für dieses Treffen gemacht hat. In der Zeit, in der er die Briefe noch einmal liest, wird das Gewitter draußen immer heftiger. Bei dem Regen hört es sich fast so an, als ob auch Hagelkörner dabei sind, so laut trommeln die Regentropfen auf das Dach und sogar gegen die Fenster. Nachdem HP im Bett noch ein wenig verträumt über das, was Juliette ihm in den Briefen geschrieben hat nachgedacht und sich gewünscht hat, dass sie jetzt bei ihm wäre, packt er die Briefe wieder sorgsam in die Box und schiebt diese zurück unter sein Bett. Er macht das Licht aus und versucht zu schlafen, was ihm allerdings nicht gelingt. Plötzlich hört er einen lauten Knall und erschrickt dermaßen, dass er beinahe senkrecht in seinem Bett steht. Er überlegt, was das wohl gewesen sein kann, kommt dann aber zu der Überzeugung, dass das Gewitter sich direkt über ihnen befindet und er deshalb das Donnern des Gewitters so laut wahrgenommen hat. Er lässt sich zurück auf das Kopfkissen fallen, bemerkt aber schon kurz darauf, dass auf dem Flur, auf dem alle ihre Schlafzimmer haben, Unruhe herrscht. Er steht auf und will nachsehen, was der Grund für diese Unruhe ist. Als er seine Tür öffnet, kommt ihm sein älterer Bruder Klaus entgegen, der ihn aber wieder in sein Bett schickt. Auf die Frage, warum er sich angezogen habe und nach draußen ginge meint der, dass er einmal nach dem Rechten sehen wolle, da es schließlich mittlerweile ein sehr heftiges Gewitter sei. So richtig beruhigt hat HP die Antwort seines Bruders nicht, zumal er bemerkt, dass nun auch noch sein Vater die Treppe heruntergeht. Wahrscheinlich will auch er nach dem Rechten sehen. HP begibt sich zu seinem Zimmerfenster und sieht noch einmal hinaus, aber er kann nichts Außergewöhnliches feststellen. Bis er die Tiere laut rufen hört. Und das ist schon etwas ungewöhnlich. HP schiebt das allerdings zuerst einmal auf das Gewitter und ist daher der Meinung, dass die Tiere Angst davor haben. Dennoch beunruhigt ihn diese Tatsache, sodass auch er sich wieder anzieht. Er geht nach unten und will nach den Tieren schauen, als ihm sein Bruder an der Haustür entgegeneilt und völlig außer Atem ruft, er solle sofort mitkommen. Auf die Frage, was denn los sei, meint der, dass der Blitz in die Scheune eingeschlagen habe und es dort brenne. Vater ist schon an der Scheune, die auch gleichzeitig der Stall für die Tiere ist. In dem Moment, als der das große Tor öffnet, kommt ihnen schon eine riesige Stichflamme entgegen. Vater dreht sich um, schaut HP an und meint recht hektisch zu ihm, er solle sofort ins Haus zurückkehren und die Feuerwehr anrufen, damit die zum Löschen käme. Das Feuer, das im Stall wütet ist größer, als dass sie es selbst löschen könnten. HP wird vorgeschickt, weil er durch seine Ausbildung bei der DLRG gelernt hat, wie man einen Notruf korrekt absetzt. Er läuft ins Haus zurück und ruft die Feuerwehr an, meldet den Brand mit ruhiger, aber bestimmter Stimme, gibt die genaue Adresse an und erklärt den Feuerwehrleuten, was sie bereits selbst unternehmen, um den Brand einzudämmen. Danach beendet HP das Gespräch und eilt wieder nach draußen. Vater, sein Bruder Klaus und er versuchen, die Tiere, die noch im Stall sind, herauszutreiben, was ihnen allerdings nicht mehr bei allen gelingt. Einige der Tiere sind durch das Feuer schon so eingeschlossen, dass sie vor Panik versuchen, durch die Wände zu laufen und sich dabei schwer verletzen. Andere hingegen schaffen den rettenden Sprung durch die Flammen in die Freiheit. Es ist zu diesem Zeitpunkt allen erst einmal egal, wohin die Tiere laufen. Hauptsache, sie sind im Freien und man muss sich um sie keine Gedanken mehr machen. Jedenfalls in diesem Augenblick. Bei den Tieren, denen sie nicht mehr helfen können, schmerzt das Herz. Sie hören, wie jämmerlich sie schreien und wissen genau, dass sie ihnen nicht mehr helfen können, ohne sich selbst dabei in Gefahr zu bringen. Vater hat beschlossen, dass es das nicht wert ist, so leid es ihm auch um die Tiere tut. Es dauert nicht lange, bis die Feuerwehr auf dem Hof der Familie Graf eintrifft und sofort ihre Geräte aufbaut und die Schläuche zum Löschteich legt, um das Feuer zu bekämpfen. Der Löschteich neben dem Hof ist zum Glück noch recht gut gefüllt, trotz der Trockenheit während der Sommerzeit, sodass die Feuerwehr genug Wasser zur Verfügung hat und auch ihre mobilen Pumpen einsetzen kann. Auf die Frage eines Feuerwehrmanns, ob noch jemand in dem Stall wäre, verneint der alte Graf dieses. Er erklärt ihnen, dass sich nur noch ein paar Tiere darin aufhielten, die sie aber nicht mehr herausbekämen, weil diese sich schon verletzt hätten und nicht mehr laufen könnten oder vor Panik nicht wüssten, wohin sie sollten. Es sei für alle zu gefährlich, in die einzelnen Boxen zu gehen, in denen die Tiere sich noch befänden. Der Feuerwehrmann ist besonnen und ordnet seinen Männern an, so schnell wie möglich, aber mit Ruhe den Löschvorgang zu beginnen. Reflexartig dreht Klaus sich kurz um und schaut in die Richtung des Haupthauses, wobei er zu einer Salzsäule erstarrt. Der Feuerwehrmann, der neben ihm steht, wie auch sein Vater und HP bemerken dieses und schauen daraufhin auch zum Haupthaus. Die einzige Bemerkung, die Vater in dem Moment herausrutscht ist das Wort „Scheiße!“ Jetzt sehen nämlich alle, dass das Feuer schon zum Haupthaus übergesprungen ist, ohne, dass es jemand bemerkt hat. Vater schreit sofort, dass in dem Haus noch die Frauen und der Junge sind. Der Feuerwehrmann hat nicht im Entferntesten die Chance, seine Leute mit Schutzanzug hineinzuschicken. Schon rennen Klaus, HP und der Vater los, in Richtung des brennenden Hauses. Der Feuerwehrmann will sie noch zurückrufen, da er der Meinung ist, dass es zu gefährlich für sie sei ohne Schutzausrüstung. Aber die drei hören ihn nicht mehr, da sie bereits im Hauseingang verschwunden sind. Klaus stürmt direkt in sein Schlafzimmer, um seine schwangere Frau, die noch im Bett liegt, zu retten. HP rennt in das Schlafzimmer seines Neffen Thomas, der von dem Ganzen nichts mitbekommen hat, da er tief und fest schläft. Ihr Vater hingegen begibt sich direkt in sein Schlafzimmer, um seine Frau zu holen. Von allein wird sie es kaum schaffen, da sie sich ein paar Tage zuvor das Bein gebrochen hat und nicht in der Lage ist, die Treppe allein herunterzugehen. Klaus ist der erste, der aus dem brennenden Haus kommt, mit seiner Frau auf dem Arm. Er eilt sofort zum Rettungswagen, der mittlerweile eingetroffen ist. Er will, dass die Sanitäter seine Frau untersuchen, ob sie nicht zu viel Rauch abbekommen hat. Sie ist schwanger und er will natürlich wissen, ob es dem Baby in ihrem Bauch auch gut geht. In dem Moment kommt auch HP mit seinem Neffen Thomas auf dem Arm aus dem Haus. Der Junge ist noch immer schlaftrunken und versteht gar nicht, was um ihn herum geschieht. Thomas schreit und weint auf einmal vor Angst, da er erst jetzt bemerkt, was eigentlich passiert ist. HP hustet stark. Die Rettungssanitäter untersuchen Klaus‘ Frau, sind aber der Meinung, dass es ihr und dem Baby ihn ihrem Bauch gut ginge. Danach sehen sich die Sanitäter den Jungen an. Der heult jedoch nur vor Aufregung und durch den Schrecken hat glücklicherweise auch nichts, dafür aber geht es HP nicht gut. Als die Sanitäter ihn untersuchen stellen sie fest, dass er wohl zu viel Rauch eingeatmet hat. Sie stellen eine leichte Rauchvergiftung fest, weshalb er sofort ins Krankenhaus muss. HP dreht sich um, genauso wie Klaus, und wie aus einem Mund kommt die Frage, wo eigentlich Vater sei? Kaum ausgesprochen kommt aber auch dieser mit seiner Frau auf dem Arm aus dem Haus. Vater ist von dem anstrengenden Tag erschöpft und kann daher mit Mutter auf dem Arm nicht so schnell rennen wie seine Jungs. In dem Moment, in dem ihr Vater mit der Mutter auf dem Arm die Türschwelle überschreitet bemerken alle, dass der Giebel des Hauses so instabil geworden ist, dass er über Vater und Mutter mit einem lauten Getöse zusammenbricht. Der Giebel kippt dabei nach vorne weg. Alle befürchten, dass Vater und Mutter davon erschlagen werden. Doch wie durch ein Wunder öffnen sich während des Kippens die zwei Flügel der Tür, die in dem Giebel eingebaut ist, da von dort aus immer das Stroh auf den Speicher geschafft wird. Nachdem der Giebel vollends auf dem Boden mit einem lauten Knall aufgeschlagen ist, stehen Vater und Mutter mitten in dieser Türöffnung und haben nichts abbekommen. Der Feuerwehrmann, der den Einsatz leitet atmet tief durch und meint dazu, dass sie noch mal richtig Glück gehabt hätten. In dem Moment aber sehen alle mit Entsetzen, was nun passiert. Nicht nur, dass es ringsherum um Vater und Mutter brennt, das ist nicht so schlimm. Doch das Stroh, welches unter dem Dach lagert, hat sich entzündet und kommt ins Rutschen. Ohne, dass irgendjemand etwas sagt wissen alle genau, was jetzt passieren wird. Das Glück, dass die zwei zuvor noch hatten, als der Giebel einstürzte, sollten sie jetzt nicht mehr haben. Die Strohballen, die ins Rutschen kommen, begraben die beiden mit einem lauten Rauschen und Prasseln unter sich. In dem Moment fangen diese noch mehr an zu brennen, und was das bedeutet, weiß jeder Anwesende. Alle Feuerwehrleute halten instinktiv die Löschschläuche auf das brennende Stroh, in der Hoffnung, es doch noch schnell löschen zu können, damit sie den alten Grafen und seine Frau, wenn auch verletzt, aber zumindest lebend retten können. Die Löschversuche bleiben jedoch vergeblich. Das Stroh brennt einfach weiter, und egal, wie viel Wasser sich darüber ergießt, die Flammen kommen nicht zum Erlöschen. Selbst der starke und ergiebige Regen kann daran nichts ändern, da der dazu herrschende Wind das Feuer immer weiter anfacht. Der Einsatzleiter der Feuerwehr schüttelt nur noch den Kopf. Er weiß, dass keine Rettung mehr möglich ist und hofft nur, dass beide durch die Strohballen, die auf sie fielen, entweder direkt bewusstlos waren oder sie direkt durch die Strohballen erschlagen wurden. Der Einsatzleiter der Feuerwehr hofft inbrünstig, dass sie nicht bei lebendigem Leibe verbrennen. Das ist so ziemlich das schlimmste Szenario, was sich der Mann in dem Moment vorstellen kann. HP ist mittlerweile bewusstlos geworden, und der anwesende Notarzt ordnet eine sofortige Einlieferung in das nächstgelegene Krankenhaus an. Der Rettungswagen, der ja vor Ort ist, bringt HP danach auch mit Blaulicht und Sirene dorthin. Die Tage darauf sind für alle sehr hektisch. Klaus und seine Familie kommen bei den Schwiegereltern unter, die selbst einen Bauernhof führen und dafür extra etwas zusammenrücken. HP liegt schon seit Tagen ohne Bewusstsein im Krankenhaus, und die Ärzte können sich nicht so recht erklären, warum das so ist. Peter Graf, der auch der Patenonkel von HP ist besucht den Jungen jeden Tag im Krankenhaus. Ebenso kommt auch jeden Tag sein Bruder Klaus oder dessen Frau Julia, und alle müssen immer wieder feststellen, dass HP einfach nicht aufwacht. Eine Woche ist fast herum, die Brandursache wurde von der Feuerwehr und der Polizei als Blitzschlag ermittelt, und die Aufräumarbeiten auf dem alten Hof sind im vollen Gange. Der Pfarrer aus dem Ort, der sich auf dem alten Hof einfindet, nachdem er einen Anruf von Peter Graf bekommen hat, geht zu Klaus. Dabei hält er sich ein Taschentuch vor Mund und Nase, dass er mit einem guten Schluck 4711 Kölnisch Wasser getränkt hat, des Geruches wegen. Er sagt ihm, dass sein Onkel ihn angerufen habe, damit er ihm ausrichte, dass HP im Krankenhaus aufgewacht sei. Klaus beendet sofort sämtliche Aufräumarbeiten auf dem alten Hof und verabschiedet sich von den Helfern. Er lässt sich vom Pfarrer direkt zum Krankenhaus fahren, da er im Moment kein Fahrzeug besitzt. Alle Fahrzeuge, welche die Familie besaß, sind dem Feuer zum Opfer gefallen. Im Krankenhaus angekommen trifft er schon Peter an, der an HPs Bett auf ihn wartet. Klaus freut sich tierisch, dass sein Bruder endlich wieder aufgewacht ist, umarmt ihn, drückt ihn und will direkt wissen, wie es ihm geht. Als Klaus HP diese Frage stellt, betritt auch der Chefarzt das Zimmer. HP schießen Tränen in die Augen, und obwohl er mit aller Anstrengung versucht, dieses zu unterdrücken, fängt er fürchterlich zu weinen an. Der Chefarzt rümpft im ersten Moment etwas die Nase. Ein beißender Geruch ist in dem sterilen und karg eingerichteten Zimmer wahrnehmbar, der wohl von Klaus ausgeht, dessen Kleider immer noch den Brandgeruch an sich haben. Der Arzt meint, dass genau da das Problem anfinge. Peter und Klaus drehen sich direkt um, sehen den Chefarzt an und wollen wissen, wie er das meint. Dieser erklärt, dass er seine Frage, wie es dem Jungen ginge, meinte. Er stellt ihnen die Frage, ob sie erst die weniger schlechte oder die ganz schlechte Antwort zum Wohlergehen des Jungen haben wollten. Klaus und Peter wird es in diesem Moment heiß und kalt zugleich. Beide spüren ein komisches, mulmiges Gefühl in der Bauchgegend, nachdem der Chefarzt das ausgesprochen hat. Wie er das meine, will Klaus wissen? Peter Graf sagt in dem Moment gar nichts und hört einfach nur zu, was der Chefarzt ihnen zu sagen hat. Mit einem sehr ernsten Gesicht meint der, dass er ihnen dann erst einmal die nicht so schlechte Nachricht mitteilen wird. „Die nicht so schlechte Nachricht ist, dass der junge Mann, Herr Hans Peter Graf, wohl an so etwas ähnlichem wie dissoziativem Erinnerungsverlust leidet. Das heißt, sein Langzeitgedächtnis ist im Moment nicht verfügbar für den Jungen“, meint der Chefarzt mit einer ernsten Miene. In dem Moment hätte man in dem Krankenhauszimmer hören können, wie eine Stecknadel auf den Boden fällt, so still ist es. Bevor jedoch Klaus oder Peter eine Frage stellen können, redet der Chefarzt weiter. „Inwiefern er sich noch erinnert und was er wirklich nicht mehr weiß, müssen wir erst anhand einiger Gespräche mit einem Psychologen feststellen. Aber eines steht fest – alles, was sich vor dem Brand in seinem Leben ereignet hat, ist vermutlich davon betroffen“, erklärt der Chefarzt den beiden mit ruhiger und nüchterner Stimme, wobei sein Gesichtsausdruck immer noch sehr ernst ist. „Der junge Mann kann sich zwar daran erinnern, dass er in zwei Jahren sein Abitur machen will, aber inwiefern der Gedächtnisverlust auch das Erlernte beeinflusst, wissen wir noch nicht.“ Danach schweigt der Chefarzt und wartet die Reaktion von Klaus und Peter auf diese Nachricht ab. HP selbst versucht immer noch, ein lautstarkes Heulen zu unterdrücken. Das, was der Chefarzt als die schlimmere Nachricht bezeichnet hat, soll erst noch bekanntgegeben werden. HP weiß schon, worum es geht, und das ist für ihn wirklich das Schlimmste. Peter fragt den Arzt nach einer Weile, ob sich das irgendwann wiedergeben wird. „Vermutlich in ein paar Tagen, vielleicht auch erst in ein paar Wochen oder Monaten. Wenn er ganz viel Pech hat, vielleicht in einem, zwei oder mehreren Jahren.“ Nach einer kurzen Unterbrechung fährt er fort: „Auch aus der Fachliteratur kenne ich einige Fälle, bei denen die Betroffenen ihre Erinnerungen nie wieder zurückbekommen haben.“ Für einen Moment schweigen wieder alle, dann will Klaus aber wissen, was denn eigentlich die noch schlimmere Nachricht sei. Der Chefarzt atmet erst einmal tief durch, nickt ein paarmal und meint darauf, dass er gar nicht wisse, wie er ihnen das jetzt sagen solle. „Das wirklich Schlimme ist …“ Er stockt in seinem Erklärungsversuch. „Das wirklich Schlimme ist, dass, obwohl es weder körperliche noch physische Gründe dafür gibt, Hans Peters Beine den Dienst verweigern.“ Danach schweigt der Arzt wieder. Peter und Klaus sehen sich gegenseitig an, danach schauen sie HP an und verstehen in dem Moment eigentlich gar nicht, was der Arzt ihnen damit sagen will. Auf Peters Nachfrage erklärt der Arzt ihnen das Ganze ausführlicher. „Es gibt eigentlich keine logische Erklärung dafür, aber er kann seine Beine nicht bewegen. Vermutlich hat das mit den Gedächtnisverlust zu tun, sodass er innerlich eine Blockade aufgebaut hat die verhindert, dass er seine Beine bewegen kann. Genaueres kann ich dazu noch nicht sagen, da es, wie ich schon sagte, dafür im Moment keine plausiblen Erklärungen gibt. Eine genauere Aussage kann man vermutlich erst in ein paar Tagen oder Wochen dazu machen.“ Betroffenes Schweigen breitet sich plötzlich im Krankenhauszimmer aus. Alle sehen HP an, der mittlerweile geschwollene Augen vom stillen Weinen hat. Langsam begreifen sie, warum der Arzt meint, dass dies die schlimmere Nachricht sei. Klaus fragt noch einmal zögerlich nach, ob denn das mit den Beinen auch wirklich so wie mit dem Gedächtnis sei und dass es irgendwann zurückkäme und HP wieder laufen könne. Der Arzt will sich aber diesbezüglich auf keine Spekulationen einlassen und meint lediglich dazu, dass die Zeit es zeigen wird. Er selbst hat so etwas noch nie erlebt, und auch Kollegen, die er um Rat fragte, konnten ihm dafür keine logische Erklärung geben, erklärt der Chefarzt. Danach fragt der Arzt noch, was denn mit den Eltern sei, und Klaus schüttelt nur den Kopf, was dem Arzt zu verstehen geben soll, dass die wohl bei dem Brand ums Leben gekommen seien. Wer denn jetzt der Erziehungsberechtigte des Jungen sei, will der Chefarzt daraufhin von den beiden wissen. Klaus antwortet sofort, dass er das jetzt sei, schließlich sei er der Bruder und in der Familie hielte man zusammen. Diese Antwort schießt aus Klaus schon fast trotzig und genauso wütend hervor, ohne, dass er darüber nachdenkt. Peter ergänzt erklärend und genauso trotzig, dass er sie unterstützen werde, wo immer er nur könne. Danach bittet der Arzt HPs Bruder, mitzukommen, und sie verlassen zusammen das Zimmer. Peter sagt in der Zeit zu HP, dass das schon wieder werde, davon sei er überzeugt. Für HP ist dies aber in dem Moment kein wirklicher Trost, denn er muss immer noch an das Feuer denken, in dem seine Eltern ums Leben gekommen sind und das vermutlich der Auslöser für das Dilemma ist, was ihm widerfährt. Nachdem Klaus von dem Gespräch mit dem Arzt zurückgekehrt ist, setzt er sich erst einmal wieder zu HP ans Bett. Nach einer Weile meint er zu Peter: „Ich muss beim Amt einen Antrag stellen, damit ich die Vormundschaft übernehmen kann, da sich sonst das Jugendamt um ihn kümmert. Und je nachdem, mit wem man es da zu tun bekommt, könnten die HP sogar in ein Heim stecken.“ Peter meint sofort, dass HP die obere Wohnung in seinem Haus bekommen könne. Da diese sowieso leer stünde, sei das kein Problem. Und dass das überhaupt nicht infrage käme, da bräuchte nicht einer auch nur einen Gedanken darüber verschwenden, dass HP in ein Heim käme. Er will sogar, wenn es sein muss, einen Aufzug im Haus einbauen lassen. Oder sie würden nach oben ziehen und HP würde die untere Wohnung bekommen. Klaus meint dann, dass sie den Leuten vom Amt klarmachen müssen, dass sie sich alle um ihn kümmern werden. Und dass alle dafür sorgen, dass es ihm gut geht und er auch eine ordentliche Ausbildung bekäme, ergänzt Klaus noch.  

Die Fahrt nach Lion

Zehn Jahre später.

Zehn Jahre nach dem schweren Brand auf dem ehemaligen elterlichen Hof macht HP zum ersten Mal wieder Urlaub außerhalb seines Heimatortes. Mit seinem Bruder und dessen Familie. In der Zeit, in der er sein Studium absolvierte, war HP zwar auch nur selten zu Hause, aber als Urlaub betrachtete er diese Zeit auf gar keinen Fall. Nicht, dass er bis dahin nicht auch mal weggewesen wäre. Nein, das kann man so nicht sagen, nur einen Urlaub hat er seit Jahren nicht mehr gemacht. Er hat sein Abitur mit Bravour bestanden, nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Danach absolvierte er anfangs in Deutschland und später in Paris ein Studium zum Wirtschaftsingenieur. Zudem hatte HP schon vor dem Abschluss des Studiums eine kleine Firma in Südfrankreich gekauft, die eigentlich geschlossen werden sollte. Der Vorbesitzer war damit fast pleite gegangen, da er den Wandel der Zeit einfach nicht mitbekommen hatte. Der kleine Betrieb war nicht an die neuen Anforderungen angepasst und verlor somit den Anschluss an die Konkurrenz. Bei dem Urlaub, der nach Lyon geht, sind sein Bruder Klaus, seine Schwägerin Julia, sein Neffe Thomas, und Malis, seine Nichte, die während der Brandkatastrophe vor zehn Jahren noch nicht geboren war, mit dabei. Sein Bruder hat auf der Rhône ein Hausboot, das genug Platz für alle bietet, selbst für HP, der immer noch ein wenig gehandicapt ist, da er sich ohne Gehhilfe noch nicht richtig fortbewegen kann. Das Packen des Fahrzeugs ist für Klaus und Julia schon eine Herausforderung, denn dieses Mal müssen sie ja auch noch den Koffer von HP im Kleinbus verstauen. Nicht, dass da nicht genug Platz in dem Kleinbus – einem VW 2T – wäre, wenn man mal von den ganzen zusätzlichen Sportgeräten, die die Kinder mitnehmen wollen, absieht. Daher muss Klaus in diesem Jahr für den Urlaub die Dachträger aufbauen. Das kleine Kanu, das er sonst eigentlich immer in den Innenraum geschoben hat, muss er dieses Mal aufs Dach packen. Schließlich ist nicht nur ein Koffer mehr da, sondern auch eine Person mehr, die einen Teil des Platzes für das Kanu einnimmt. Es dauert fast zwei Stunden, bis Klaus und Julia alles in den Kleinbus geräumt haben. Es hätte mit Sicherheit schnellergehen können, wenn nicht HP und die Kinder so viel rumgealbert hätten und ihnen die Kinder nicht ständig zwischen den Füßen herumgewuselt wären. Doch bei dem schönen Wetter kann man die Kinder nicht ruhig halten, und HP kümmert sich darum, dass die Kleinen ihren Eltern nicht zu sehr auf die Nerven gehen. Julia meint im Anschluss zu HP: „Ich möchte auch noch mal so unbeschwert herumtollen können. Manchmal habe ich das Gefühl, dass du nie erwachsen werden willst. Vor allen Dingen nicht, seitdem du wieder anfängst zu laufen und du dann auch noch mit den Kindern herumtollst.“ Nicht, dass sie das schlecht fände, dass er wieder zu laufen anfinge, ganz im Gegenteil. Aber Julia ist auch der Meinung, dass ihm ein klein wenig mehr Ernsthaftigkeit bei der Sache guttun würde, als sie endlich fertig sind und losfahren wollen. HPs Antwort darauf ist lediglich, dass sie ihn doch lassen solle. Denn er selbst findet es nicht schlimm, ganz im Gegenteil. Er ist sichtlich froh, dass er endlich wieder zumindest etwas laufen kann und dadurch mit den Kindern mehr unternehmen kann, ohne diesen blöden Rollstuhl. Julia schüttelt nur den Kopf, obwohl sie HP nur zu gut versteht. Sie fordert danach alle auf, endlich einzusteigen, damit sie losfahren können. Kaum sind alle eingestiegen, Klaus will gerade losfahren, fängt Marlis schon an zu schreien. „Ich muss ganz dringend auf die Toilette, sonst mache ich gleich in mein Höschen.“ Klaus bremst sofort wieder ab mit der Bemerkung, dass die Fahrt in die Ferien ja schon gut anfinge. Julia schnappt sich Malis, eilt mit ihr noch einmal in das Haus und setzt sie dort auf die Toilette. Es dauert fast zehn Minuten, bis die beiden wieder aus dem Haus kommen und im Auto sitzen. Sie fahren gerade mal eineinhalb Stunden, bevor das erste der Kinder anfängt zu quengeln, weil sie immer noch nicht am Boot angekommen seien. Als Nächstes haben die Kinder auch noch Hunger. „Ihr habt doch gerade erst gefrühstückt. Wie könnt ihr jetzt schon wieder Hunger haben?“ fragt HP. Julia schüttelt resigniert den Kopf. Sie kommentiert die Quengelei mit den Worten: „Die haben nicht gefrühstückt. Die waren viel zu aufgeregt heute Morgen.“ Klaus bleibt also nichts anderes übrig, als am nächstmöglichen Parkplatz anzuhalten. Für solche Zwecke packt Julia immer einen Picknickkorb, da sie ihre Kinder kennt und sie diese Tour nicht zum ersten Mal machen. Es ist wie immer – die Kinder können keine fünf Minuten ruhig sitzen, sie toben in der Gegend herum, und so dauert die kleine Pause schon länger als dreißig Minuten. HP fragt nach einer Weile seinen Bruder, wie lange die Pause noch dauern wird. Er macht sich nämlich Gedanken über die Ankunftszeit und meint, dass es nicht zu spät werden darf, da sie ja noch Proviant für das Boot einkaufen müssen, wie sie ihm erklärt hatten. Klaus erklärt HP, dass er die Kinder erst noch etwas herumtollen ließe, da er dann die vage Hoffnung habe, dass die Zwerge für die nächsten drei bis vier Stunden Ruhe gäben, da sie dann müde seien. Julia ist diesbezüglich aber ganz anderer Meinung, da sie ihre zwei besser kennt. Sie will ihm aber wohl nicht schon jetzt die Hoffnung rauben, dass sie mal für drei bis vier Stunden Ruhe geben würden. Klaus soll aber recht behalten. Die Kinder sind erst einmal ruhig, aber nach zwei weiteren Stunde über die französischen Nationalstraßen meldet plötzlich Julia das dringende Bedürfnis an, auf die Toilette zu müssen. Klaus sieht seine Frau entgeistert an und meint zu ihr, dass das jetzt nicht ihr Ernst sei. Julia bekommt fast ein schlechtes Gewissen, aber sie muss nun einmal dringend. HP bemerkt sofort, dass Julia gerade etwas verlegen und beschämt ist, da ausgerechnet sie es jetzt ist, wegen der die Fahrt unterbrochen werden muss. Aber in dem Kleinbus gibt es nun mal keine Toilette. Zur Ehrenrettung meint HP aber, dass er eigentlich auch mal auf die Toilette müsse und dass sie diesen Stopp gut nützen könnten, damit alle mal kurz auf die Toilette gehen und sich ein wenig die Beine vertreten könnten. Ihm jedenfalls würde das sehr entgegenkommen, da er seinen Beinen etwas Bewegung verschaffen müsse. Klaus hält also an dem nächstmöglichen Parkplatz an, auf dem es auch eine Toilette gibt. Natürlich bewirkt das auch, dass ihre gesamte Fahrzeit wieder um eine halbe Stunde verlängert wird, zumindest theoretisch. Nachdem alle auf der Toilette waren und sie sich ein wenig die Beine vertreten haben, was bei den Kindern immer bedeutet, in der Gegend herumzutollen, setzen sie die Fahrt in Richtung Lyon fort. Nach einer Weile meint Klaus zu HP, dass seine Frage von vorhin jetzt langsam an Bedeutung gewinnen würde. HP weiß nicht so recht, worauf sein Bruder hinauswill. Ihm fällt nämlich gerade nicht ein, von welcher Frage er redet, da er mit den Kindern ein Quartettspiel spielt. Klaus meint die Frage, ob sie es noch schaffen werden, rechtzeitig in Lyon anzukommen, um den Proviant für das Boot dort zu kaufen. Sie sind nämlich schon wieder fast zweieinhalb Stunden gefahren, und der Verkehr wird immer dichter. Somit kommen sie nur noch recht langsam voran. „Wenn das mit dem Verkehr hier so weitergeht, dann brauchen wir bestimmt noch drei bis vier Stunden. Wir sind jetzt schon fast sieben Stunden unterwegs und haben noch knapp einhundertfünfzig Kilometer vor uns“, sagt Klaus. HP schüttelt nur den Kopf, da er sowieso nicht versteht, warum sie nur über Nationalstraßen fahren und nicht auch über die Autobahn. Der aufkommende Verkehr trägt natürlich zu der immer schlechteren Laune von Klaus bei. Der mault über jeden Autofahrer, der ihn an einer zügigen Fahrt hindert. „Das ist dann nicht zu ändern. Dann gehen wir heute Abend eben essen und morgen früh auch, und anschließend einkaufen“, meint HP. „Das werden wir wohl so machen müssen“, wirft Julia ein. „Wir werden dadurch nur leider fast einen ganzen Tag verlieren. Mit den beiden Kindern einkaufen, das kann dauern. Es gibt dort eine Menge Dinge, die sie bei uns nicht bekommen, und sie wollen dann immer alles haben. Aber morgen frühstücken, das machen wir auf dem Boot. Dafür habe ich noch genug dabei, da ich alles aus dem Kühlschrank mitgenommen habe, damit es nicht verdirbt.“ „Dann können wir das doch so machen“, meint HP. „Ich passe auf die Kinder auf dem Boot auf und ihr geht allein in die Stadt, um die Einkäufe zu erledigen.“ Julia ist nicht ganz so begeistert von dem Vorschlag. Sie meint nämlich, dass er die Rhône nicht kenne und er müsse ihr daher in die Hand versprechen, dass sie keinen Unfug auf dem Boot machen werden. HP schaut sie vorwurfsvoll an und meint etwas oberlehrerhaft, dass er die Rhône wohl kenne, denn soweit kann er sich schon wieder erinnern, dass er hier schon mal einen Jungen aus dem Wasser gerettet habe. Er wisse, wie gefährlich es sei, wenn man den Fluss unterschätzen würde. Julia sieht ihn etwas fragend an, stimmt aber nach einem kurzen Moment zu. Sie kann sich noch vage daran erinnern, dass da mal was war, als er vor dem Brand mit Onkel Peter die Fahrradtour nach Frankreich gemacht hat. Zudem will HP sich mit den Kindern hinsetzen und einen Plan ausarbeiten, wo sie anhalten können, um sich die Gegend oder einzelne Orte anzuschauen, hat er ihr versprochen. Auf beziehungsweise in das Wasser ginge er ohne Klaus oder sie sowieso nicht, erklärte er ihr auch noch. Das sei ihm alles noch zu unsicher, da er noch nicht zu einhundert Prozent wieder fit wäre, meint HP auch noch. Dass das eine gute Idee sei, bemerkt Klaus nebenbei, obwohl er sich mehr auf die Straße konzentriert als auf die Unterhaltung im Kleinbus und dabei einige Male laut flucht. „Aber das eine sage ich dir“, meint Julia. „Das Kanu bleibt auf dem Boot, auch wenn die Kinder quengeln. Das dürfen die Kinder nur mit Klaus zusammen nutzen.“ Julia hat, was Wasser anbelangt immer ein besonderes Augenmerk auf die Sicherheit, vor allem auf die der Kinder.  

Die Ankunft auf dem Hausboot

HP lernt die Fourniers kennen.

Es ist bereits kurz nach zwanzig Uhr, als sie endlich an dem Hausboot in Lyon ankommen. Der hohe Verkehr auf den Nationalstraßen und eine weitere Pause für die Kinder sorgten für die späte Ankunft. HP bemerkt sofort, dass es genauso warm zu sein scheint wie damals, als er seinen Urlaub hier an der Rhône machte, was nur knappe ein bis zwei Autostunden von Lyon entfernt sein konnte. Daran kann sich HP nämlich wieder erinnern. Klaus hat eigentlich keine Lust mehr, den Kleinbus auszuladen, denn er ist von der langen Fahrt erschöpft. Er würde am liebsten an Bord gehen und sich in seine Koje legen, um zu schlafen. Die Kinder und auch HP sind hingegen ausgeruht und unternehmungslustig. Sie wären am liebsten sie in die Stadt gegangen, um sie sich anzuschauen. Julia holt aber ihren Mann, die Kinder und HP erst einmal auf den Boden der Realität zurück. „Ohne, dass das Gepäck aus dem Kleinbus geholt wird und bevor nicht alles auf dem Boot ist, wird hier nichts anderes ablaufen“, meint sie. Schließlich befindet sich in den Koffern auch das Bettzeug, mit dem die Kojen erst einmal bezogen werden müssen. Und Julia hat keine Lust, alles alleine aus dem Kleinbus zu holen. Leise murrend und maulend bringen die Kinder ihre kleinen Koffer in die Kabinen, in denen sie immer schlafen. Klaus und Julia haben die Kabine im Heck des Bootes, die auch die größte ist. Das finden die Kinder nicht korrekt, da sie ja eigentlich mehr Platz brauchen, um bei schlechterem Wetter unter Deck spielen zu können. Eine Situation, die niemals eintrifft, denn auch bei schlechtestem Wetter sind die Kinder an Deck, im Wasser oder irgendwo an Land. Es hält sie einfach nichts unter Deck, da fühlen sie sich zu sehr eingesperrt. Was HP aber im Nachhinein wundert ist die Tatsache, dass es an Bord nicht stockig riecht, wie er es schon einmal auf einem Boot an der Saar wahrgenommen hatte. Klaus erklärt ihm, dass sie hier in Lion jemanden hätten, der das Boot regelmäßig durchlüftete. Im Winter würden sie auch schon mal die Bootsheizung einschalten, da man ansonsten die Polster und Matratzen alle zwei Jahre erneuern müsse, da sie enorm riechen würden und Stockflecken aufwiesen. Es ist nicht das einzige Boot, welches in Lyon festgemacht hat. Ein Stück vor ihnen liegt noch ein Boot, das wohl Holländern gehört, da es mit einer holländischen Flagge am Heck fährt. Hinter ihnen liegen fünf Boote mit französischer Flagge. Ein paar davon sind wohl Charterboote, und ein paar werden anscheinend private Boote sein. HP meint, den Geruch von gegrilltem Fleisch wahrzunehmen, worauf Klaus ihm erklärt, dass viele der Boote kleine Grills dabei hätten, die auch regelmäßig genutzt würden. Vor allem würde man den selbst gefangenen Fisch darauf zubereiten, schön in Alufolie und mit Kräutern und Butter mariniert. Mit dem Gedanken an frisch Gegrilltes machen Klaus, Julia und HP erst einmal die Kojen fertig und packen die Koffer aus. Die Kinder hingegen machen wie immer das, was sie am besten können. Erst einmal die Lage peilen und die anderen Boote inspizieren. Eventuell findet man ja noch ein paar Kinder im selben Alter, mit denen man Freundschaft schließen und spielen kann. Sie wollen gerade mit Erlaubnis ihrer Eltern loslaufen, um alles zu erkunden, als HP sie mit einem lauten und strengen „Stopp!“ ausbremst. Julia staunt immer wieder, wie die Kinder auf HP reagieren. Er ist die Autoritätsperson schlechthin für sie. Wenn HP etwas sagt oder anweist, gibt es bei ihnen nie einen Kommentar dazu. Sie versuchen erst gar nicht, mit ihm zu diskutieren, sondern akzeptieren einfach, was er ihnen sagt. „Ohne Schwimmwesten läuft hier niemand auf dem Boot herum“, meint HP zu den beiden. „Holt euch bitte direkt eure Schwimmwesten und legt diese auch an“, weist er die Kinder an. Die Kinder, Thomas und Malis gehen ohne ein Wort an die Kiste im Salon, die unter der Sitzbank steht und in der alle Schwimmwesten liegen, und holen ihre Schwimmwesten heraus. Dann ziehen sie diese an und verabschieden sich. Julia ruft noch hinterher, dass sie nicht so weit laufen sollen. Auf ein fremdes Boot dürften sie nur gehen, wenn sie vorher Bescheid gesagt hätten, auf welchem sie seien. HP sieht in dem Moment Julia fragend an. „Ja“, meint Klaus auf einmal aus der Kabine der Kinder heraus, der HPs fragenden Blick sieht. „Wir haben sie schon mal gesucht, da sie damals ein paar andere Kinder kennengelernt haben und mit denen dann auf deren Boot spielten.“ Julia ergänzt: „Wir haben uns damals schwindelig gesucht und schon das Schlimmste befürchtet. Das war vor zwei Jahren, zum Anfang unserer Bootstour.“ Klaus kommt aus der Kabine der Kinder und ergänzt das Ganze noch mit den Worten: „Das war der Urlaub, der einfach nur scheiße war“, woraufhin HP seinen Bruder entsetzt ansieht. „Wir hatten nichts als Stress mit den Kindern während der ganzen Fahrt und waren kurz davor, den Urlaub abzubrechen“, meint Klaus. „Eigentlich hat nur das Telefonat mit dir und den Kindern, dass du damals an deinem Geburtstag mit ihnen geführt hast, eine Wende gebracht.“ „Ich will gar nicht wissen, auch heute nicht, was du ihnen damals gesagt oder versprochen hast. Aber nach dem Telefonat mit dir waren die zwei lammfromm“, fügt Julia hinzu. HP legt die Stirn in Falten und schaut Julia mitleidig an. „Kinder und Eltern, das ist schon immer ein Reibungspunkt gewesen“, versucht HP, seiner Schwägerin zu erklären. „Das ist bei Klaus und ihm nicht anders gewesen“, gibt er als Anmerkung noch dazu. Und er ergänzt auch noch: „Wir sind auch nicht immer einverstanden gewesen mit dem, was unsere Eltern von uns wollten. Aber wir haben sie dennoch geliebt.“ „Ja ja“, meint Julia und sieht HP mit einem fragenden Gesichtsausdruck an. „Ihr und eure Eltern, das ist ja sowieso eine ganz eigene Sache. Klaus redet seit dem Brand nicht mehr über sie, und du … Na ja, das lasse ich mal so im Raum stehen. Vermutlich hätte ich genauso oder ähnlich reagiert, wie du auf den Brand reagiert hast“, fügt Julia mit einem noch nachdenklicheren Gesichtsausdruck hinzu. Die drei machen es sich gerade auf dem Boot gemütlich und haben vor, die laue Abendluft etwas zu genießen bei einem schönen Glas Rotwein, nachdem sie die Kabinen eingeräumt haben. Nun wollen sie auch endlich im Urlaub ankommen, wobei sie aber nicht aus den Augen verlieren, dass sie gleich noch in die Stadt müssen, um eine Kleinigkeit zu essen. In dem Moment kommt Thomas wieder zurück, etwas aus der Puste vom Laufen und meint nur, dass sie auf der „Liberté“ spielen, da die Besitzer auch wieder da seien und auch Céline und Madeleine. Klaus und Julia nicken das Ganze ab, sagen Thomas aber, dass sie sie gleich abholen werden, da dann alle gemeinsam noch in die Stadt gehen, um etwas zu essen. Klaus befürchtet jedoch, dass Thomas das schon gar nicht mehr mitbekommen hat. Er ist schon auf dem Weg zurück zu dem anderen Boot. Nach einer guten halben Stunde machen sich die drei fertig, um, nachdem sie ihren Rotwein in Ruhe ausgetrunken haben, noch etwas essen zu gehen. Sie gehen zu dem Boot mit dem Namen „Liberté“ und begrüßen die Fourniers, die sie schon seit ein paar Jahren gut kennen. Sie sind gerade im Begriff, etwas zu essen, was sie allerdings selbst zubereitet haben. Die Begrüßung ist sehr überschwänglich, da sie sich lange nicht mehr gesehen haben und nur gelegentlich miteinander telefonieren. Die Kinder sind gerade so vertieft in ihr Spiel, da sollten sie sie doch nicht stören, meinen die Fourniers jedoch. Klaus sieht Julia und HP an. Julia meint aber, dass sie erst noch etwas essen gehen müssten. Sie seien erst vor etwas über einer Stunde angekommen und hätten noch Hunger. „Das ist kein Problem. Wir haben genug und würden uns freuen, wenn ihr die Einladung annehmt und mit uns zusammen esst. So könnten wir auch mal wieder ein Pläuschchen miteinander halten.“ Julia, Klaus und HP sehen sich erneut an. HP meint dann als erster, da er bemerkt, dass Julia und Klaus sich nicht ganz schlüssig sind und er mittlerweile eigentlich keine Lust mehr auf einen langen Spaziergang bis zum nächsten Lokal hat, dass es eine gute Idee sei und sie das Angebot gerne annähmen. Klaus und Julia schließen sich der Meinung von HP an und begeben sich auf die „Liberté“. HP kennt die Fourniers nur von Erzählungen seines Bruders und seiner Schwägerin und will sie bei der Gelegenheit einmal persönlich kennenlernen. „Mein Name ist übrigens Jean, und das ist meine Frau Yvonne“, stellt der nette Mann sich HP vor. „Unsere Töchter heißen Céline und Madeleine. Die lernst du später kennen, wenn sie unter Deck fertig sind mit dem Spielen.“ HP stellt sich ebenfalls vor. „HP?“, fragt Yvonne, wobei sie die Stirn ihres hübschen Gesichts in Falten legt. „Was ist das eigentlich für ein Name? Das frage ich mich nämlich schon lange, da auch Klaus und Julia immer nur von HP reden, wenn sie von dir erzählen. “Yvonne spricht in einer Vertrautheit mit HP, als würden sie sich schon seit Ewigkeiten kennen. Sie kann sich nicht vorstellen, dass das ein richtiger Name ist. Diese Vertrautheit, die HP dabei zu verspüren meint, verwirrt ihn ein wenig. „Das ist nur die Abkürzung meines Namens“, erklärt HP ihr, wobei ihm allerdings auch nicht entgeht, dass sie bezaubernd aussieht und etwas an sich hat, was ihn sichtlich nervös macht. Das lässt er sich in dem Moment allerdings nicht anmerken. Zumindest versucht er, es sich nicht anmerken zu lassen, aber Julia entgeht es nicht, da sie HP nur zu gut kennt. „Die sind nur alle zu faul, seinen richtigen Namen auszusprechen“, erklärt sie Yvonne. Yvonne holt indes noch ein paar Dinge an den Tisch und hört daher nur mit einem Ohr zu, als HP erklärt, dass sein richtiger Name eigentlich Hans Peter sei und HP ja nur seine Initialen darstelle. Yvonne bekommt aber von HPs Erklärung nur den Namen Peter mit und beschließt daher der Einfachheit halber, ihn auch HP zu nennen. Sie unterhalten sich sehr angeregt miteinander und tauschen allerlei Neuigkeiten aus, die es in der letzten Zeit so bei jedem gegeben hat. HP, der die Fourniers zum ersten Mal kennenlernt, will von ihnen wissen, wie lange sie schon mit seinem Bruder befreundet seien, woraufhin Yvonne ihm erklärt, dass sie sich schon seit gut acht Jahren kennen. Und dass das kurz nach der Geburt von Céline gewesen ist, ihrer ältesten Tochter. Danach unterhalten sie sich noch über allerlei für HP belanglose Dinge. HP erzählt Yvonne, welche Route sie in etwa nehmen werden, ohne dass Klaus und Julia es wirklich mitbekommen, da die sich mit Jean angeregt unterhalten. HP erklärt Yvonne, dass er die genaue Route auch erst morgen früh mit den Kindern ausarbeiten will. Es ist ein langer Abend, und als die Kinder endlich und wohl auch recht müde im Bett liegen, ist es schon halb zwölf Uhr nachts. Zum Glück seien Ferien, meint Klaus. Da könnten die Kleinen morgen ausschlafen, während Julia und er eben in die Stadt gingen, um noch das Nötigste einzukaufen. HP nickt und ist nun auch recht geschafft und froh, endlich schlafen zu können. Am nächsten Morgen, es ist gegen acht Uhr, wird HP von seinem Bruder geweckt. HP versteht das zuerst nicht, da die Kinder ja auch noch schlafen. Aber sein Bruder meint, dass er schon aufstehen müsse, nicht dass die Kleinen aufständen und er es nicht mitbekäme. Dann müssten sie die Zwerge bestimmt wieder suchen, und dazu hätte er nun mal gar keine Lust. HP meint, dass das okay sei, aber er glaube nicht, dass sie einfach von Bord gingen. Er habe es ihnen nämlich noch vor dem Einschlafen gestern ausdrücklich untersagt. „Sicher ist sicher“, meint Klaus zu seinem Bruder, der sich langsam aus der für ihn etwas gewöhnungsbedürftigen Koje erhebt. Klaus und Julia sind schon von Bord, als HP seine erste Tasse Kaffee hinter sich hat und nun eigentlich duschen will, in der kleinen Duschkabine auf dem Boot, worin er sich aber nicht wirklich zurechtfindet. Als er noch versucht, sich in der Duschkabine zu orientieren, stehen plötzlich Thomas und Malis hinter ihm. Thomas erklärt seinem Onkel HP mit kargen Worten, wie das alles funktioniert, da er selbst noch nicht ganz wach ist. HP bedankt sich bei Thomas und sieht, dass die beiden auch schon ihre Handtücher und Kulturbeutel in der Hand halten. Er schließt die Tür hinter sich und meint dabei, dass er sich beeilen werde. Malis ruft jedoch durch die verschlossene Tür ihrem Onkel zu, dass er sich Zeit lassen könne. Danach ist es still. HP geht davon aus, dass die beiden im Salon sitzen, da sie noch nicht ganz wach zu sein schienen und wohl darauf warten, dass er mit dem Duschen fertig wird, und beeilt sich. Nach einer Weile öffnet er die Tür wieder und kommt heraus, geht in seine Kabine und ruft in Richtung des Salons, dass er fertig ist und der Nächste hineinkann. Was HP allerdings wundert, während er sich anzieht, ist, dass er keine Antwort bekommt. Ja, eigentlich hört er überhaupt nichts von den beiden. Fertig angezogen und sich fragend, was mit den beiden los sei oder ob sie wieder eingeschlafen wären, geht er in den Salon. Aber dort sind die zwei nicht. Sein erster Gedanke ist: die liegen wieder in den Kojen. Also geht er zu den Kabinen der Kinder. HP muss jetzt aber mit Entsetzen feststellen, dass sie dort auch nicht sind. Er begibt sich so schnell er kann an Deck. Aber auch dort sind die zwei nicht. Langsam kommt Panik in HP auf und er fragt sich, wo die zwei abgeblieben sein können. Er macht sich gerade auf den Weg zu dem Boot, auf dem sie gestern Abend waren, in der Hoffnung, sie dort zu finden, als er von dem kleinen Weg, der in der Nähe des Bootes die Böschung hinaufführt, zwei ihm vertraute Stimmen hört. Es sind Thomas und Malis. Sie kommen fröhlich plappernd den Weg herunter, so, als ob nichts geschehen wäre. Ihre Handtücher und Kulturbeutel in den Händen, gehen sie in die Richtung des Boots. Als die beiden HP erblicken und sehen, wie entsetzt er sie anschaut, fragt Malis ihn ganz keck, ob was passiert ist. HP will allerdings von den beiden direkt wissen, wo sie gewesen sind, wobei seine ernste Stimme ein wenig vor Angst vibriert. „Na, duschen“, kommt es noch kecker von Malis. Thomas meint noch dazu: „Das machen wir doch morgens immer.“ Wobei sie beide ihren Onkel mit einer Unschuldsmiene anschauen. „Wie, duschen?“, will HP von den beiden wissen. „Das wird doch an Bord gemacht, oder habe ich da etwa was verpasst?“ Thomas und Malis schauen ihren Onkel erstaunt an, und Malis antwortet ihm, immer noch ganz keck, dass sie das nicht wüssten, ob er was verpasst habe. Thomas meint dazu, dass sie der Meinung waren, dass er an Bord duschen wolle, weil er noch nicht so gut laufen könne und deshalb nicht an Land in die Duschen gehen wollte. „Was für ein Quatsch“, meint HP zu Thomas, immer noch etwas verärgert. „Das hat mir niemand gesagt, dass das so abläuft.“ Langsam beruhigt er sich wieder. „Aber wozu ist dann die Duschkabine auf dem Boot?“, will HP jetzt neugierig wissen. Die kleine Malis schüttelt den Kopf. „Natürlich zum Duschen, Onkel HP, wozu sollte die wohl sonst sein?“ Sie lacht laut und nimmt HP an die Hand. Sie meint dann noch, dass sie besser an Bord gehen sollten, bevor ihre Mama und ihr Papa wiederkämen. HP findet, dass das eine gute Idee sei, und sie gehen erst einmal zurück auf das Boot. Nachdem die Kinder ihre Hausanzüge, die sie noch anhatten, gegen die Kleider gewechselt haben, die ihre Mutter ihnen am Abend zuvor schon bereitgelegt hat – wobei sie natürlich nicht genau die Kleider anzogen, da die ihnen nicht passend für diesen Tag erschienen – setzen sich die drei in den Salon. Thomas holt die Flusskarte hervor und einen Block sowie einen Schreiber. Die Kinder wollen mit ihrem Onkel anfangen, die einzelnen Aufenthaltsorte festzulegen, die sie anfahren würden, so wie er es ihnen noch am Vortag versprochen hat. Aber HP beschäftigt immer noch die Sache mit den Duschen. Er will wissen, ob das also jedes Mal so gemacht werde, wenn sie angelegt hätten, und stellt dieses als Frage in den Raum. „Was wird jedes Mal so gemacht?“, wollen die Kinder wissen. „Dass man an Land duschen geht.“ „Nein“, kommt gleichzeitig von Thomas und Malis, als hätten sie es so einstudiert. „Natürlich ist das nicht so“, meinen die beiden und schütteln jeder dabei den Kopf. Sie erklären HP dann auch noch, dass das nur dann so sei, wenn eine solche Möglichkeit vorhanden wäre, wie es hier der Fall sei. HP lässt das nicht los. Er will wissen, woher man wisse, dass es so etwas dort gäbe. Malis meint darauf in ihrer allerbesten neunmalklugen Art, die sie immer dann ausspielt, wenn sie merkt, dass sie etwas besser weiß als jemand anderes, dass das doch im Flussbuch stünde. „Das weiß man doch, und man kann das alles und noch so einiges mehr dort nachlesen.“ Nun ja, HP weiß das zumindest nicht. Woher auch, schließlich macht er so eine Flusstour zum ersten Mal. Danach konzentriert sich HP erst einmal mehr oder weniger auf das Ausarbeiten des Streckenplans mit den Kindern. HP will aber mit Klaus und Julia noch einmal über das Thema Duschen an Bord oder nicht reden, da er noch nicht ganz mit Malis‘ Antwort einverstanden ist. Nachdem er das erst einmal im Hinterkopf abgelegt hat, will er von den Kindern wissen, was sie denn noch nie gesehen hätten auf der Tour und was sie eventuell noch mal sehen möchten. Allerdings können die drei es nicht lassen, ständig dabei herumzualbern. Ganz besonders toll finden die Kinder es, wenn ihr Onkel irgendwelche Leute dabei nachmacht, die sie kennen. Die Antwort ist für HP allerdings niederschmetternd und auch ein wenig deprimierend. Angeblich hätten sie schon alles gesehen auf der Strecke und es gäbe nichts, was sie noch unbedingt ein zweites Mal sehen wollten. Aber die Rhône wäre doch bis zum Mittelmeer so lang, meint HP zu Malis und Thomas, und dass es doch etwas geben müsste, das sie noch nie gesehen hätten. Thomas und Malis sehen ihren Onkel mit großen Augen an. „Mittelmeer“, kommt daraufhin wie aus einem Mund von beiden. „In diese Richtung fahren wir nie, wir sind doch immer Fluss aufwärtsgefahren, da das die schönere Strecke sein soll“, erklären sie ihm. Und das mit einer Entrüstung in der Stimme, als ob HP etwas Verbotenes ausgesprochen hätte. HP kann es nicht fassen. Die sollen doch nicht tatsächlich die ganzen Jahre immer nur flussaufwärts unterwegs gewesen sein und nie flussabwärts, fragt er sich in Gedanken. HP meint zu den beiden: „Das ist okay. Aber jetzt werden wir mal eine Tour flussabwärts aussuchen. Das ist fast dasselbe, nur weniger Schleusen, und zur Abwechslung gibt es mal etwas Neues zum Besichtigen“, meint HP. Die Kinder sind sofort Feuer und Flamme, da sie wissen, wenn HP das so mit ihnen ausmacht, wird ihr Vater sich auch daran halten. Sie haben nämlich schon mitbekommen, dass ihr Vater meistens keine guten Argumente gegen Entscheidungen von HP aufbringen kann und suchen mit Begeisterung eine Tour aus, die flussabwärts führt. Immer im Hinterkopf, dass ihr Vater sie kürzen kann, wenn die Zeit für die Rückfahrt nicht reicht. Nach gut eineinhalb Stunden und mit vollen Taschen kommen Klaus und Julia wieder zurück auf das Boot. Die Kinder sind inzwischen zu ihren Bekannten auf die „Liberté“ gegangen, um die Zeit etwas zu überbrücken, da sie mithilfe von HP die Route schnell ausgearbeitet hatten und die Fourniers erst morgen weiterfahren wollten, wie sie gestern erzählt hatten. Als der Proviant verstaut ist, macht sich HP auf den Weg zur „Liberté“, um Thomas und Malis von dort abzuholen, da sie endlich starten wollen. Jean und Yvonne kommen mit den Kindern mit und verabschieden sich von allen noch einmal. Die Einladung von Klaus und Julia für ein Treffen im Herbst bei den Grafs auf dem Hof, die Julia am gestrigen Abend noch ausgesprochen hat, sagen sie noch einmal zu, da Jean und Yvonne nicht mehr wissen, ob sie das schon am gestrigen Abend gemacht haben.  

Der erste Tag der Rhône-Tour

Die ersten anstrengenden Ausflüge.

Klaus macht das Boot startklar. Er startet den Motor und freut sich mit einem Jubel, dass es auf Anhieb anspringt. HP denkt sich, dass das wohl nicht immer der Fall ist, und Klaus gibt die Anweisung, die Bug Leine zu lösen. Nachdem diese gelöst ist, drückt er mithilfe des Bugstrahlruders, das er sich vor einem Jahr neu hat einbauen lassen, den Bug des Boots von der Mauer, an der es liegt, ab. Nun gibt er die Anweisung, auch die Heckleine zu lösen, und er manövriert das Boot langsam aber sicher von den anderen Booten weg in das Fahrwasser, wobei er es flussaufwärts in Richtung Villeurbanne steuerte. Thomas und Malis, die mal wieder Galionsfigur spielen, drehen sich direkt um und rufen ihrem Vater empört zu, dass er in die falsche Richtung fährt. „Wie kommt ihr darauf?“, ruft Klaus zurück. HP, der neben seinem Bruder steht meint, dass er mit den Kindern eine Tour ausgearbeitet habe, wie er bestimmt noch wisse. Diese führe sie aber zuerst einmal flussabwärts. Klaus sieht seinen Bruder etwas verwirrt an und meint, dass sie doch sonst immer flussaufwärts fahren würden. Da kämen sie heute im Laufe des Tages an mehreren größeren Wasserflächen, die Seen ähnlich seien, vorbei, erklärt er HP. HP schüttelt den Kopf und gibt nicht nach, wobei er zu seinem Bruder sagt, dass der Plan aber eigentlich flussabwärts sei. „So habe ich es mit den Kindern ausgearbeitet, und so solltest du auch fahren. Schließlich haben Julia und du das befürwortet, dass wir den Plan für die Tour ausarbeiten. Und du kannst den Kindern jetzt nicht sagen, dass dein Wort nicht mehr gilt. Wenn du ein gutes Vorbild für die Kinder abgeben willst, dann musst du dich jetzt an Absprachen halten.“ Julia, die das Gespräch mit HP und Klaus mitbekommen hat, muss schmunzeln, da Klaus HPs Argument in dem Moment nicht zu kommentieren weiß. Was sowieso nur selten vorkommt, wenn HP so argumentiert. Klaus wendet das Boot, murmelt etwas vor sich hin und die Fahrt geht mit gedrosseltem Motor nun flussabwärts weiter. Die Kinder jubeln direkt, als sie bemerken, dass ihr Vater das Boot wendet, und sehen ihren Vater mit strahlenden Augen an. Klaus entschuldigt sich bei den Kindern direkt und meint zu ihnen: „Ich habe die ausgearbeitete Tour noch nicht gesehen, daher kann ich nicht wissen, dass es diesmal flussabwärts geht.“ Thomas und Malis laufen vom Bug aus direkt nach hinten und verschwinden unter Deck. Einen kurzen Moment später kommen beide wieder nach oben und geben ihrem Vater den Tour Plan, den sie zusammen mit HP ausgearbeitet haben. ........